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Depression statt Aggression: Die Akutstation der Klinik
Eine Patientin liest in einem der Zimmer auf der Akutstation.

Auf die Akutstation der LWL-Uniklinik Hamm kommen Jugendliche, die in zum Teil lebensbedrohlichen psychischen Krisen stecken. Das Team sorgt für die geeignete Therapie und Pflege – und bietet zugleich eine fast familiäre, offene und persönliche Atmosphäre.

„In Ordnung so? Nicht zu fest?“ Monika Messink wickelt mit behutsamen, geübten Handgriffen einen frischen Verband um Julias Unterarm und blickt sie dabei offen und freundlich an. Julia lebt seit einer Woche auf der Akutstation, auf der jeweils zehn Patientinnen und Patienten in psychischen Krisen aufgefangen und behandelt werden. Sie ist sehr still, schaut Messink zurückhaltend an, blickt dann wieder auf ihren Arm, schüttelt leicht den Kopf. Der Verband sitzt gut.

Das Stück Stoff verdeckt eine Wunde, die weit mehr ist als eine oberflächliche Verletzung, und sie ist noch nicht verheilt. Julia hat sich die tiefen Schnitte in ihrem Arm selbst zugefügt. Deshalb wurde sie am vorigen Wochenende mit dem Krankenwagen auf die Akutstation gebracht. Die 15-Jährige erzählt mit leiser Stimme von der niederdrückenden Traurigkeit, die sie, seit sie immer öfter in Konflikte mit Schulkameraden geraten ist, wie ein dunkler Schatten begleitet. Von dem Gefühl, nicht dazuzugehören, sich vollkommen allein und hilflos zu fühlen.

Monika Messink, die stellvertretende Leiterin der Aktutstation in der LWL-Uniklinik Hamm.

Monika Messink ist Krankenschwester und seit 2010 stellvertretende Leiterin der Akutstation der Klinik.

Monika Messink kann diese Gefühle sehr gut verstehen, sie kennt viele Geschichten wie die von Julia. Die Krankenschwester arbeitet seit 2010 als stellvertretende Leiterin auf der Akutstation und ist mit ihrem Team aus Pflegern, Therapeutinnen, Erziehern und Ärztinnen für die jungen Menschen zuständig. Nicht immer kommen diese freiwillig – zum Beispiel, weil sie sich selbst verletzt haben, weil sie unter starkem Drogeneinfluss stehen oder weil sie so aggressiv sind, dass sie sich und andere in Gefahr bringen. Das kann auch dazu führen, dass sie, als letztes Mittel, eine Zeit lang unter regelmäßiger Beobachtung in dem nur mit einer Matratze eingerichteten Kriseninterventionsraum untergebracht werden müssen.

Im Jahr 2014 hat die Station rund 120 Patientinnen und Patienten aufgenommen – deutlich mehr als noch vor einigen Jahren. Diese Zunahme hat damit zu tun, so nimmt es Monika Messink wahr, dass Familien und Schulen oft überlastet sind. Gleichzeitig gibt es aber auch eine positive Entwicklung: „Psychiatrische Hilfe wird heute in der Gesellschaft und damit auch von den Jugendlichen selbst positiver eingeschätzt als früher.“ Die Hemmschwelle, sich helfen zu lassen, ist also offenbar gesunken. „Das ist gut, weil wir sehr viel früher, schneller und mit größeren Erfolgsaussichten helfen können“, sagt Monika Messink.

Verbundener Arm einer Patientin im Krankenzimmer der Akutstation.

Auf der Akutstation werden zum Beispiel solche Patientinnen wie Julia versorgt, die sich aus großem Kummer selbst verletzt haben.

An diesem Tag ist es ruhig auf der Station. Aus der Gemeinschaftsküche dringt leises Geschirrklappern in den hellen Flur. Die Mittagszeit ist vorbei, es wird gemeinsam abgespült und die Küche sauber gemacht. Wenn ein neuer Patient kommt, geht es hier sehr viel hektischer zu. In der Krise gibt es keinen Dienst nach Vorschrift mehr. So war es auch bei Julia – doch trotzdem ist jede Patientengeschichte anders. „Wir betreiben hier keine Massenabfertigung“, betont Monika Messink. „Wir begleiten die jungen Leute so individuell, wie es uns nur möglich ist.“

Das ist auch nötig, zumal viele der Jugendlichen zurückgezogen und depressiv sind. „Früher hatten wir es hier viel mehr mit jungen Leuten zu tun, die die Flucht nach vorne ergriffen haben. Die haben Stühle geworfen, Türen eingetreten, geschrien, gekratzt und gebissen. Das ist heute viel seltener“, sagt Messink. „Ich weiß nicht mehr, wann hier der letzte Blumentopf geflogen ist.“

Depressionen, selbstverletzendes Verhalten, Suizidalität: Es sind diese sehr viel leiseren, nach innen gewandten psychischen Krankheitsbilder, die heute den Alltag in der Akutstation bestimmen. Warum das so ist? „Es geht immer mehr um das Thema Ausgrenzung. Das ist für jeden Menschen schlimm, für Jugendliche kann sich das aber wie der Weltuntergang anfühlen“, sagt Messink. Weitere Faktoren sind die höheren Anforderungen an Jugendliche und veränderte Familienstrukturen. Die Jugendlichen sind öfter sich selbst überlassen als früher. Auch die zunehmende Kommunikation über soziale Netzwerke ist einer der vielen Gründe. Sie lassen manche vereinsamen und bieten obendrein ganz andere Möglichkeiten des Mobbings als früher, erklärt Monika Messink. „Mir erzählen viele Jugendliche, dass von ihnen persönliche Fotos ins Netz gestellt wurden. Die fühlen sich damit auf viel perfidere Art ausgegrenzt und allein als wenn der Konflikt offen, im direkten Kontakt miteinander ausgetragen würde.“

Umso wichtiger ist es, dass die jungen Patientinnen und Patienten auf der Akutstation Strukturen erfahren und positiven Alltag erleben. Neben den vielfältigen Therapien geht es auch um das Leben in der Gruppe. Es wird zusammen gegessen und aufgeräumt, gemeinsam Karten gespielt oder sich unterhalten. „Ebenso wichtig sind aber auch die Rückzugszeiten. Vor allem Menschen, die mit Depressionen zu kämpfen haben, brauchen das. Wir lassen das bis zu einem gewissen Grad zu, ermuntern unsere Patientinnen und Patienten aber auch immer, regelmäßig den Kontakt zu anderen zu suchen.“ Monika Messink lächelt. „Irgendwann, ganz langsam, taut jeder von ihnen auf. Und das ist das erste Zeichen für uns, dass es ihnen allmählich etwas besser geht.“