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SCHWERPUNKTE #1: Sucht (3/4) – Aller Anfang ist hemdsärmelig
Das betreute Wohnprojekt "Auxilium" in Hamm
Das betreute Wohnprojekt "Auxilium" in Hamm ist in einem alten Bauernhof eingerichtet.

Mit einer einfachen Idee zum Erfolgskonzept: Das „Auxilium“ in Hamm ist eine therapeutische Facheinrichtung für suchtmittelabhängige Jugendliche und junge Erwachsene, die derzeit mehr als 40 jungen Menschen aus ganz Deutschland nach einem Drogenentzug auf den Weg in ein eigenständiges Leben hilft. Die ehemaligen LWL-Mitarbeiter Ralf Wilczek und Markus Melis gründeten ihr einzigartiges therapeutisches Wohnprojekt im Jahr 1998 in einem alten Bauernhof.

Herr Wilczek, Herr Melis, als Sie das „Auxilium“ gründeten, arbeiteten Sie beide als Sozialarbeiter auf der Suchtstation der Hammer Jugendpsychiatrie. Was hat Sie angespornt, etwas ganz Neues anzufangen?

Ralf Wilczek, Leiter der Abteilung „Jugend und Soziales“ bei den Maltesern in Nordrhein-Westfalen

Ralf Wilczek, Leiter der Abteilung „Jugend und Soziales“ bei den Maltesern in Nordrhein-Westfalen

Ralf Wilczek: Wir wollten schon immer jungen Menschen dabei helfen, sich aus schwierigen Lebenslagen zu befreien und wieder selbstständig zu leben. Aber der Erfolg dieser Arbeit ist gerade bei Suchtpatienten eng an die Rahmenbedingungen geknüpft. Im Zuge der Gesundheitsreformen zwischen 1995 und 1997 wurde die Behandlungsdauer in der Klinik von zwei Jahren auf rund fünf Monate verkürzt. Wir konnten die jungen Menschen nach der intensiven Therapiephase nicht mehr vernünftig auf das Leben danach vorbereiten.

Markus Melis: Viele Suchtpatienten werden ohne Begleitung oft wieder rückfällig. Ich habe bei Besuchen ehemaliger Patienten immer häufiger gesehen, dass sie es nicht geschafft hatten, clean zu bleiben. Mein Gefühl damit: Das war alles umsonst. Das nagte sehr an mir. So wurde die Idee für das „Auxilium“ geboren.

Markus Melis, Leiter des „Auxiliums“

Markus Melis, Leiter des „Auxilium“

Um so etwas umzusetzen, braucht es eine Menge Pioniergeist. Wie haben Sie begonnen?

Markus Melis: Sehr hemdsärmelig. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als wir im Bauwagen hockten und die Patientenakten bearbeitet haben, während draußen die Hühner vorbeiliefen. Die Gebäude waren Stallbauten, die nicht bewohnbar waren. Die erste Idee war, dass die Jugendlichen das Ganze selbst mit aufbauen sollten, damit sie nach der Therapie eine Aufgabe hatten.

Ralf Wilczek: Rückblickend war das ziemlich naiv. Das haben wir schnell erkannt. Wir bauten dann ein betreutes, therapeutisches Wohnkonzept auf, mit verschiedenen Phasen, in denen die jungen Leute Schritt für Schritt in ein komplett eigenverantwortliches Wohnen und Leben entlassen werden.

Wie haben Sie das „Auxilium“ finanziert, wenn die Mittel doch so stark gekürzt worden waren?

Ralf Wilczek: Uns war klar: Was wir da angestoßen haben, musste über die Töpfe der Jugendhilfe finanziert werden. Gemeinsam mit den Maltesern haben wir einen Verein gegründet, aus dem wiederum mehrere Mitglieder privat eine Bankbürgschaft auf sich genommen haben, um die Risiken abzufedern. Mit viel Rückendeckung und Unterstützung der LWL-Uniklinik Hamm sowie der Malteser haben wir es schließlich geschafft, als Jugendhilfe-Einrichtung anerkannt und damit auch finanziert zu werden.

 


 

DAS „HAMMER MODELL“

Die LWL-Uniklinik Hamm war Vorreiter für eine einzigartige Form der Suchtbehandlung, die sich in den 1970er-Jahren entwickelte und bis heute auf eine vernetzte und übergreifende Therapie setzt. Nach dem so genannten „Hammer Modell“ durchlaufen die Patientinnen und Patienten eine aufeinander aufbauende Reihe von Maßnahmen. Die meisten starten in der Suchtambulanz, in der die Therapieschritte festgelegt werden. Die folgende stationäre Behandlung beginnt oft mit einer dreiwöchigen Entzugsbehandlung. Parallel laufen im „qualifizierten Entzug“ die Fach- und Psychotherapien. Die Jugendlichen können anschließend auf einer jugendpsychiatrischen Station oder in einer suchtmedizinischen Rehabilitationsabteilung in der Klinik weiterbehandelt werden. Nach der mehrmonatigen Therapiephase kann sich ein Aufenthalt in einer therapeutischen Nachsorge-WG anschließen, in der die Jugendlichen auch über die Therapie hinaus in allen Lebensbereichen unterstützt werden.