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SCHWERPUNKTE #4 (2/2): Psychiatrische Therapien – Die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT)
Auf einem Teller liegt eine rote Chilischote, daneben ein Glas Wasser, unscharf im Hintergrund eine junge Frau.

Es gibt Jugendliche, die nicht ausreichend gelernt haben, ihre Gefühle differenziert wahrzunehmen und Abstufungen zu erkennen. Für sie funktioniert vieles nach einem Schwarz-Weiß-Schema. Wenn zum Beispiel ein nahestehender Mensch verärgert über sie ist, denken sie oft, dass ihre gesamte Persönlichkeit in Frage gestellt wird. Sie geraten schnell in eine hohe Anspannung, die sie oft mit Selbstverletzungen zu regulieren versuchen. Krisen werden häufiger – und auch Gedanken daran, sich das Leben zu nehmen. Diese Jugendlichen haben eine Veranlagung, intensiver auf emotionale Reize zu reagieren als andere. Die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) geht darauf ein.

Dr. Harald Schneeweiß, Experte für die dialektisch-behaviorale Therapie.

Dr. Harald Schneeweiß ist Experte für die dialektisch-behaviorale Therapie.

Dabei ist es wichtig, die Patientinnen und Patienten so anzunehmen, wie sie sind, und sie gleichzeitig zu fordern, weiß Harald Schneeweiß, Experte für die DBT in der LWL-Uniklinik Hamm. Ob die Störung tatsächlich auftritt, hängt stark von Erfahrungen ab, die die Jugendlichen in ihrem Leben machen. „Die meisten Eltern geben ihren Kindern von Anfang an angemessene Rückmeldungen zu deren Gefühlszuständen. Sie helfen ihnen dabei, ihre Gefühle richtig einzuordnen und zu regulieren“, sagt Harald Schneeweiß. Wenn Eltern die Emotionen der Jugendlichen hingegen laufend als ‚falsch‘ bewerten („Stell dich nicht so an“), kann sich mit zunehmendem Alter der Eindruck bei einem jungen Menschen verfestigen: Ich bin nicht richtig, so, wie ich bin, meine Gefühle sind nicht erwünscht.

Auf einem Blatt Papier notiert eine Jugendliche, von hinten über die Schulter fotografiert, ihre Erlebnisse und Stimmungen.

Jugendliche mit Emotionsregulationsstörungen müssen für die Therapie täglich Tagebuch führen.

Bei diesen Patientinnen und Patienten wird das Konzept der dialektisch-behavioralen Therapie erfolgreich eingesetzt, das ursprünglich für Erwachsene mit Persönlichkeitsstörungen entwickelt wurde. In dieser Therapie wird davon ausgegangen, dass die Patientinnen und Patienten sich verändern wollen und ihr Bestes geben. Die Therapeutinnen und Therapeuten wissen genau, dass die Jugendlichen nicht alle ihre Probleme selbst verursacht haben und ihr momentanes Leben schwer auszuhalten ist. Zugleich fordern sie die Patientinnen und Patienten heraus. „Die jungen Menschen lernen Strategien, die ihnen helfen, mit ihren Emotionen umzugehen – und zwar ohne sich verletzen zu müssen“, erklärt Harald Schneeweiß.

Auf einem Teller liegt eine rote Chilischote, daneben ein Glas Wasser, unscharf im Hintergrund eine junge Frau.

Manche Patienten beißen auf eine Chilischote, um ihre Emotionen zu regulieren.

Dazu müssen sich die Jugendlichen jeden Tag kontrollieren und Tagebuch führen. Wann war ich angespannt? Was war der Auslöser? Habe ich mir Schmerzen zugefügt? Hatte ich lebensmüde Gedanken? Anhand einer Skala lernen sie, ihre Anspannung einzuschätzen und anschließend die so genannten Skills anzuwenden: Individuelle Verhaltensweisen, mit denen sie ihre Gefühle regulieren können. Das kann ein Spaziergang sein, eine kalte Dusche, das Lesen eines spannenden Buchs. Welcher Skill angewandt wird, hängt vom Grad der Anspannung ab. „Bei extremer Erregung beißen manche auf eine Chilischote, um sich zu regulieren“, berichtet Schneeweiß. „Danach können die Jugendlichen wieder klarer denken und überlegen, welcher Skill ihnen als Nächstes gut tut.“ In der Therapie müssen alle Beteiligten lernen, dass nicht alles sofort funktioniert. „Selbstverletzungen kommen auch in der Klinik vor. Wenn das geschieht, müssen die Jugendlichen sich damit auseinandersetzen“, sagt Schneeweiß. „Wir unterstützen sie dabei, zu reflektieren, warum das passiert ist, und einen Weg zu entwickeln, mit Stresssituationen anders umzugehen. Die jungen Menschen lernen nach und nach, diese Situationen selbständiger zu bewältigen.“