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SCHWERPUNKTE #2 (1/2): Die Zukunft der Kinder- und Jugendpsychiatrie – Interview mit dem Ärztlichen Direktor
Der Ärztliche Direktor der LWL-Uniklinik Hamm, Prof. Dr. Dr. Martin Holtmann.

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Über viele Jahre war die Kinder- und Jugendpsychiatrie eine Disziplin, die sich eher für sich entwickelt hat. Das ist auch bei vielen anderen medizinischen Fachrichtungen der Fall. In der LWL-Uniklinik Hamm wird seit vielen Jahren stark auf Kooperationen gesetzt. Warum, erklärt der Ärztliche Direktor Martin Holtmann im Interview.

Herr Holtmann, was bedeutet für Sie die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen in Ihrem beruflichen Alltag?

Martin Holtmann: Sie ist enorm wichtig für mich. Ich kann für die Kinder und Jugendlichen nur dann immer wieder neue, individuelle Therapiepläne entwickeln, wenn ich auch nach links und rechts schaue. Die Mischung beispielsweise aus jugendpsychiatrischer Therapie, Fachtherapien und Pflege ist für die Patientinnen und Patienten sehr gut, ebenso wie ein strukturierter Alltag aus Schule und Freizeit. Deshalb brauche ich auch den Input der Kolleginnen und Kollegen. Wir können aber noch viel mehr tun.

Was zum Beispiel?

Martin Holtmann: Eine ganz alte Kooperation pflegen wir mit den Maltesern, mit denen wir 1998 das „Auxilium“ gegründet haben, ein Wohnprojekt für Suchtpatienten, die ihre Therapiezeit in der Klinik beendet haben. Damals geschah das aus dem Zwang heraus, dass der Gesetzgeber die klinischen Behandlungsdauern stark verkürzt hat. Weil die Kollegen die Patientinnen und Patienten über die akute Phase hinaus nicht mehr in ein eigenständiges Leben begleiten konnten und es viele Rückfälle gab, haben sie gemeinsam mit den Maltesern ein damals deutschlandweit einmaliges Modell erschaffen.

Der Ärztliche Direktor der LWL-Uniklinik Hamm, Prof. Dr. Dr. Martin Holtmann.

Der Ärztliche Direktor der LWL-Uniklinik Hamm, Prof. Dr. Dr. Martin Holtmann.

Gibt es heute ähnliche Bemühungen?

Martin Holtmann: Wir bauen zusammen mit dem LWL-Klinikum für Psychiatrie in Gütersloh gerade ein Zentrum für Familienmedizin auf, in Form einer gemeinsamen Ambulanz und hoffentlich bald auch Tagesklinik. In Gütersloh werden zur Zeit nur Erwachsene behandelt, bei uns nur Kinder und Jugendliche. Aber der Bedarf ist groß, Familien gemeinsam zu betrachten und zu behandeln: 70 bis 80 Prozent der Eltern von psychisch kranken Vier- bis Sechsjährigen haben selbst eine psychische Erkrankung. Fast die Hälfte der Kinder mit ADHS hat einen betroffenen Elternteil, 60 Prozent der Kinder von Eltern mit einer Depression entwickeln im Verlaufe der Kindheit und Jugend ebenfalls eine psychische Störung. Wenn wir nur das Kind behandeln und es anschließend zurück in die Familie kommt, ist die Wahrscheinlichkeit leider sehr hoch, dass unsere Behandlung nicht dauerhaft erfolgreich sein wird. Es ist zum Wohle aller Beteiligten also sinnvoll, die gesamte Familie in den Blick zu nehmen.

Warum wird eine solche Herangehensweise nicht schon viel länger betrieben?

Martin Holtmann: Als Arzt und Psychotherapeut spezialisiert man sich auf die eine oder die andere Fachrichtung. Das passiert zwangsläufig, Systemgrenzen zu überwinden ist schwierig. Aber wir versuchen es – zum Beispiel mit einem weiteren Modellprojekt, das wir mit dem Heilpädagogischen Kinderheim des LWL und dem Jugendamt der Stadt Hamm auf die Beine gestellt haben. Dort unterstützen wir Jugendliche, die aktuell noch nicht zu Hause leben können und vorübergehend eine intensive erzieherische und psychiatrische Betreuung benötigen. Das geschieht in einer Wohngruppe in der Nähe unserer Klinik. Wir erhoffen uns davon, dass die Jugendlichen anschließend wieder bei ihren Eltern leben können. Eine kranke Psyche hat oft auch etwas mit dem Körper zu tun.

Setzen Sie auch an dieser Stelle an?

Martin Holtmann: Ja, wir haben zum Beispiel oft mit Kinderärzten zu tun, die Patienten an uns verweisen, weil sie keine organischen Ursachen für deren Schmerzen finden. Für diese psychosomatischen Patientinnen und Patienten gibt es zur Zeit noch wenige Angebote. Deswegen kooperieren wir eng mit der Klinik für Manuelle Therapie in Hamm und haben in unserer Tagesklinik sechs zusätzliche Plätze für solche Fälle eingerichtet. Die Jugendlichen leben zu Hause und sind tagsüber hier. Dieser Therapieansatz geht in die gleiche Richtung wie alle anderen: Wir arbeiten mit anderen Fachrichtungen zusammen, um von deren Wissen und Erfahrung zu lernen und so möglichst umfassend und dauerhaft auf die Probleme der Patientinnen und Patienten eingehen zu können.