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SCHWERPUNKTE #1: Sucht (2/4) – Endlich wieder Pläne
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Wer drogensüchtig ist und wieder ein drogenfreies Leben führen möchte, hat einen langen Weg vor sich. Das Beispiel des 19-jährigen Tom zeigt, wie eine gut strukturierte Behandlung helfen kann, den Patientinnen und Patienten wieder Mut und Kraft zu geben.

Chemikant zu werden, das ist Toms Traum. Eine Ausbildung zu machen, anschließend im Labor zu arbeiten. „Das kann ich mir sehr gut vorstellen“, sagt der fast zwei Meter große Mann, während er in seinem Zimmer auf dem Bett liegt und Mathematik- Aufgaben durchackert. Dass er seinen Traum in die Wirklichkeit umsetzen kann und wird, das glaubt man Tom, wenn man ihn heute sieht. Dabei sah es für den 19-Jährigen lange Zeit nicht danach aus. Tom lernte seinen Vater erst vor zwei Jahren kennen und wuchs in Wohngruppen auf. Drogen bestimmten sein Leben. Zum ersten Mal mit 15 Jahren, als er Marihuana ausprobierte.

„Meine Freunde haben damit angefangen, ich habe irgendwann einfach mitgemacht. Und dann gemerkt, dass mich das entspannt und alle Probleme wegmacht.“ Er kiffte, nahm schließlich Amphetamine, so viel davon, dass er es kaum noch in die Schule schaffte. So konnte es nicht weitergehen, dachte Tom. „Ich wollte selbst aufhören und deswegen eine Therapie machen.“ Den ersten Versuch in der LWL-Uniklinik Hamm brach er nach vier Wochen ab. „Ich war noch nicht so weit, der Druck war zu hoch für mich“, sagt er heute. Im Jahr 2014 versuchte er es noch einmal in Hamm. Seither hält er durch. „Ich bin viel motivierter, auch weil ich gemerkt habe, wie ich früher war, bevor ich Drogen genommen habe.“

Dr. Moritz Noack, Oberarzt in der Abteilung für Suchttherapie in der LWL-Uniklinik Hamm

Dr. Moritz Noack ist Oberarzt in der Abteilung für Suchttherapie.

Tom startete das volle Programm, ein halbes Jahr lang. „Am Anfang steht fast immer eine Entzugsbehandlung, um die Drogen aus dem Körper zu bekommen“, beschreibt Moritz Noack das Vorgehen in der Klinik. Der Oberarzt der Abteilung für Suchttherapie legt gemeinsam mit den Ärztinnen, Therapeutinnen und dem Stationsteam den Behandlungsplan fest. Bei Tom waren es Gesprächs- und Arbeitstherapie, Psychomotorik und Trainings für Soziale Kompetenz. „Ein dicht getakteter Tagesablauf ist wichtig, damit wir an möglichst vielen Stellen positiv beeinflussen können. Wir behandeln, geben den Jugendlichen aber gleichzeitig die Strukturen vor, die ihnen dabei helfen, sich wieder ein Leben ohne Drogen aufzubauen“, sagt Noack. „Sie lernen neben dem körperlichen Entzug auch die Gründe für ihr Suchtverhalten verstehen. Nur so können sie aus eigener Kraft die Motivation aufbringen, sich auf eine drogenfreie Zukunft vorzubereiten.“

Viele der jungen Leute haben neben der Abhängigkeit weitere psychische Erkrankungen, die entweder für den Drogenkonsum mitverantwortlich sind oder dadurch ausgelöst wurden. Auch diese Störungen werden behandelt. Die Situation ist oft kompliziert, erst recht, wenn es zu Rückfällen wie bei Tom kommt. Aber auch das gehört zur Therapie dazu, sagt Moritz Noack. „Wir dürfen die Jugendlichen nicht fallen lassen, sondern unterstützen sie weiter, indem wir ihnen klar machen, dass man auch aus Rückschlägen lernen kann.“ Umso wichtiger ist es deshalb auch, die jungen Leute nach der intensiven Therapiephase weiter zu betreuen, erklärt der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. „Nach der Entlassung spielen ambulante Drogenberatungsstellen, Therapeut oder betreute Wohngruppen eine wichtige Rolle für die Zukunft der jungen Leute.“

Suchtpatient John und sein Lehrer beim Lernen in der Schule

Suchtpatient Tom hat wieder Spaß an der Schule gefunden.

Tom ist noch nicht ganz so weit, er lebt noch in der Klinik und besucht auch weiterhin die klinikeigene Schule, in der täglich rund 180 Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden. Mit vier, fünf anderen suchtkranken Jugendlichen sitzt er täglich von morgens bis mittags im Unterricht. Die Inhalte sind an den Stoff angepasst, der auch in Toms alter Schule gelehrt wird. Allerdings ist der Umgang ein anderer als in Regelschulen, er ist angepasster an die Probleme der Schüler, die Lehrer achten stark auf den aktuellen Stand der Jugendlichen. „Mir macht das Lernen so zum ersten Mal Spaß“, sagt Tom, der den Förderschulabschluss schon in der Tasche hat und nun die Hauptschule beenden möchte. „Ich fühle mich hier sehr gut aufgehoben“, sagt er in der kurzen Pause zwischen den zwei Schulstunden. „Und das möchte ich jetzt auch durchziehen.“ Er hat einen Plan – und das zum ersten Mal in seinem Leben.