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SCHWERPUNKTE #7 (1/3): Behandlung von Esssstörungen – Anna und die andere Sicht
Ein junges Mädchen stellt Obst auf einem Teller auf einen Tisch, fotografiert durch das Bullauge einer Küchentür.

Anna wog 30 Kilogramm, als sie in die LWL-Uniklinik Hamm kam. Sie hat Anorexie, eine psychische Erkrankung, die schwere körperliche Folgen haben kann. Auf der Station für Jugendliche mit Essstörungen erreichte Anna wieder ein gesundes Gewicht. Sie lernte neu, dass Essen ein Genuss sein kann. Und sie beschäftigt sich bis heute mit den Ursachen und Symptomen ihrer Krankheit, um auch ohne Hilfe gesund bleiben zu können.  

Ein junges Mädchen stellt Obst auf einem Teller auf einen Tisch, fotografiert durch das Bullauge einer Küchentür. Manchmal fängt es ganz klein an und wird über die Zeit zu einem Problem. Bis es fast zu spät ist. So ist es Anna ergangen. Als sie in die LWL-Uniklinik Hamm auf die Station für Essstörungen kam, wog sie bei einer Größe von 1,55 Metern nur noch 30 Kilogramm. Sie war nur noch Haut und Knochen. Es fehlte nicht viel, dass ihr Leben in ernste Gefahr geraten wäre.

Anna hat Anorexie. Während des Krankheitsverlaufs verlieren die Patientinnen und Patienten über Monate ihren Appetit und nehmen stark ab. Bei der 15-Jährigen ging es mit der Magersucht, so heißt die Krankheit im Volksmund, vor anderthalb Jahren los. Sie war, wie sie sagt, „ein wenig pummelig“. 50 Kilogramm zeigte die Waage an, nicht viel, von außen betrachtet, aber in Annas Welt eine Katastrophe. „Ich fand mich immer schon ein wenig zu dick. Als ich mir zum ersten Mal doofe Sprüche über meine Figur anhören musste, hat mich das schon sehr getroffen“, erzählt die Teenagerin.

Mit Sport und Diäten versuchte sie, ihr Gewichtsproblem, das nur sie selbst wahrnahm, in den Griff zu bekommen. Aber auch, als ihr Gewicht auf 40, 38, 35 Kilogramm fiel, empfand sie sich selbst immer noch als „fett“, wie sie heute sagt. „Ich habe eine komplett andere Sicht gehabt als meine Freunde oder meine Eltern.“

Rote Trauben und Bananen im Vordergrund, im Hintergrund unscharf ein junges Mädchen, das Obst schneidet.

Essgestörte Jugendliche wie Anna müssen vieles wieder neu lernen.

Als sie nur noch 30 Kilogramm auf die Waage brachte, fiel Anna zwar auf, dass sie deutlich dünner als zum Beispiel ihre Zwillingsschwester war. „Ich fand das nicht schön, aber in bestimmten Situationen sah das immer noch viel zu dick aus. Ich konnte mich selbst nicht mehr objektiv sehen.“

Der Leidensdruck und das Drängen ihrer Eltern führten dazu, dass sie sich in Therapie begab. „Es ging einfach nicht mehr allein.“ In der Klinik wurde sie langsam und Schritt für Schritt wieder aufgebaut. Zunächst einmal körperlich: Die Gewichtszunahme ist Grundlage für die Psychotherapie. Ganz zu Anfang ging es darum, Anna das Essen wieder beizubringen. „Das muss man wirklich so sagen“, erzählt sie heute, während sie Obst für eine Zwischenmahlzeit wäscht, schneidet und anrichtet. „Ich habe gelernt, dass Mahlzeiten ein Genuss sein können. Ich habe jetzt ein gutes Gefühl, wenn ich satt bin. Früher hieß satt sein bloß, dass ich bestimmt schon wieder zugenommen habe.“

In der Anfangsphase werden die Jugendlichen sehr eng begleitet. Sie essen unter Aufsicht, müssen mit fünf täglichen Mahlzeiten zunächst 1000, dann 1500 und am Ende der Therapie manchmal bis zu 3000 Kalorien am Tag zu sich nehmen. Anna wurde 14 Wochen stationär behandelt. Während sie hart daran arbeitete, körperlich wieder gesund zu sein, machte sie Gruppen- und Einzeltherapiesitzungen, Sport, Ergotherapie und Heilpädagogik. Sie lernte einen unverfälschteren Blick auf sich selbst, verstand besser, warum sie ihr eigenes Gewicht so schlecht einschätzen konnte. Auch die anderen Mädchen auf der Station waren ein Grund, dass sie sich wohl fühlen konnte und es ihr schnell besser ging. „Ich musste nicht erklären, warum ich ein Problem mit dem Essen habe oder an einem Tag mal schlecht drauf bin. Das kennen hier alle.“

Ein Mädchen malt ein Bild, fotografiert über ihre Schulter.Heute hat Anna die Therapie fast hinter sich, besucht aber noch regelmäßig die angegliederte Tagesklinik. Noch 200 Gramm fehlen ihr zu ihrem vorgeschriebenen Gewicht: „Die 45 muss ich über einen längeren Zeitraum halten, dann kann ich komplett entlassen werden“, sagt sie. Ob sie ganz gesund ist? Der Blick von außen lässt keinen Unterschied zu ihren Altersgenossinnen erkennen. Sie unterhält sich mit ihren Freundinnen über die letzte Folge von The Voice Kids Germany, lacht über ihre Sitznachbarin, die beim Kartenspiel Skip Bo falsch bedient, schläft gerne lange aus und mag – manchmal – nicht gerne zur Schule gehen. Etwas ist trotzdem anders an ihr: Sie wirkt ein wenig ernsthafter als andere Jugendliche. „Ich weiß, dass ich noch lange nicht gesund bin, auch wenn das jetzt schon so aussieht“, sagt sie und schaut dabei lange auf ihre Hände. „Ich muss mich weiter mit dem Thema beschäftigen, um nicht wieder in alte Muster zu verfallen. Ich bin mir aber sicher, dass ich das schaffe.“