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SCHWERPUNKTE #7 (2/3): Behandlung von Essstörungen – Interview mit Prof. Dr. Tanja Legenbauer
Prof. Dr. Tanja Legenbauer

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Etwa ein Fünftel aller Elf- bis 17-Jährigen in Deutschland zeigt Auffälligkeiten im Essverhalten, jedes dritte Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren leidet an einer Essstörung. Jungen sind deutlich seltener betroffen. Die Psychologische Psychotherapeutin und Universitätsprofessorin Tanja Legenbauer forscht an der LWL-Klinik Hamm schwerpunktmäßig zum Thema.

Frau Legenbauer, warum entwickeln gerade Mädchen und junge Frauen so häufig ein gestörtes Verhältnis zum Essen und zu ihrem Körper?

Meistens kommen viele Faktoren zusammen. Es gibt biologische Voraussetzungen wie den Stoffwechsel, die erblich bedingt sind. Sie können Übergewicht begünstigen, das an sich als Risikofaktor gilt: Es widerspricht dem gängigen Schönheitsideal und führt daher oft zu einer erhöhten Körperunzufriedenheit, vor allem bei jungen Mädchen. Sie versuchen dann nicht selten, mit einer Diät dagegen anzugehen. Diäten bringen aber das natürliche Hunger- und Sättigungsgefühl durcheinander und dadurch werden Essstörungen weiter begünstigt. Auch familiäre oder gesellschaftliche Einflüsse können, genauso wie persönliche Erlebnisse, zu einem gestörten Essverhalten beitragen. Es kann zum Beispiel vorkommen, dass ein Mädchen unbewusst die Einstellung der Eltern zum Essen oder zum eigenen Körper übernimmt: Schauen sie kritisch oder wohlwollend auf sich selbst und auf andere? Nutzen sie Essen als Ventil, um Gefühle zu regulieren, sich abzulenken oder sich zu trösten? Auch direkte Kommentare zum Essverhalten oder zur Figur des Kindes wie „Iss nicht so viele Süßigkeiten, du wirst sonst zu dick“ oder „Du hast ganz schön zugenommen“ können Sätze sein, die eine junge Frau glauben lassen, sie müsse abnehmen oder zumindest sehr aufpassen, was und wie viel sie isst. Einen großen Einfluss haben auch die Peer-Group und die Medien, die das Streben nach einem unrealistischen Schlankheitsideal verstärken können.

Prof. Dr. Tanja Legenbauer

Prof. Dr. Tanja Legenbauer forscht unter anderem zum Thema Essstörungen.

Warum sind Essstörungen so gefährlich?

Bei besonders starkem Untergewicht kann es zu lebensbedrohlichen Ausfallerscheinungen des Körpers bis hin zum Organversagen kommen. Aber auch bei leichteren Formen von Untergewicht können die Folgen gravierend sein. Das Gehirn wird zwar auch in der größten Krise weiter versorgt, trotzdem sind die kognitiven Fähigkeiten stark beeinträchtigt: Die Gedanken der Mädchen kreisen nur noch darum, dass sie zunehmen könnten, wann sie essen können und was sie zu sich nehmen dürfen. Mit der gesunden Gewichtszunahme wird das Gefühlsspektrum dann wieder breiter, die Mädchen werden offener. Bis sie Essen wieder genießen können und sich selbst nicht mehr verzerrt wahrnehmen, ist es aber ein langer Weg.

Wie arbeiten Sie mit essgestörten Jugendlichen?

Unser erstes Ziel ist, ein gesundes Gewicht herzustellen, um die Gefahren für den Körper abzuwenden, die eine Essstörung fast immer mit sich bringt. Damit schaffen wir die Grundlage, mit den Mädchen therapeutisch zu arbeiten. Pro Jahr behandeln wir hier 40 Patientinnen und Patienten zwischen 13 und 18 Jahren – zentral auf einer Station, auf der sie ihren Alltag verbringen. Wichtig ist hier, dass wir sie beim Essen begleiten. Wir üben mit ihnen, richtig zu essen, melden zurück, ob sie zu schnell oder zu langsam essen oder sich schwer tun. Nur wenn sie ausreichend zu sich nehmen, können sie auf das angestrebte Gewicht kommen. Darauf passen wir ihren Ernährungs- und auch den Bewegungsplan ganz individuell an. Anfangs sollen die jungen Frauen ein Gefühl dafür entwickeln, wie viel sie essen müssen, um zum Beispiel einen Spaziergang auszugleichen. Erst nach und nach integrieren wir Sport in die Therapie. Übungen zur Körperwahrnehmung oder Entspannungsverfahren bieten wir dagegen schon vorher an. Die Betreuer auf der Station arbeiten bei all diesen Einzelschritten eng mit den Therapeutinnen zusammen, was uns eine effektive Behandlung ermöglicht.

 

Warum Normalgewicht nicht gleich Normalgewicht ist
Junge Menschen sind noch im Wachstum. Um herauszufinden, ob sie ein für ihre Alters- und Entwicklungsstufe normales Gewicht haben, reicht der klassische BMI (Body Mass Index) nicht aus, weil er Wachstumsschübe, Alter und Geschlecht nicht berücksichtigt. Deshalb nutzen Fachleute so genannte BMI-Perzentile, die die Körpergröße einbeziehen und nach Mädchen oder Jungen unterscheiden. Anschließend vergleichen sie den Wert mit dem Durchschnitt aller Kinder der jeweiligen Altersstufe.