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SCHWERPUNKTE #6 (1/2): Forschung für bessere Therapien – Tiefer Einblick
Prof. Dr. Tanja Legenbauer erklärt an einem großen Bildschirm den Versuch mit den gelben Fischen.

Die Forschung spielt eine große Rolle an der LWL-Uniklinik Hamm. Das Team um Prof. Dr. Dr. Martin Holtmann und Prof. Dr. Tanja Legenbauer sucht mit innovativen Studien nach immer besseren Behandlungsmethoden für die Patientinnen und Patienten.

Ein junger Mann misst bei einer dunkelhaarigen Frau, die vor ihm sitzt, den Kopfumfang mit einem Maßband.

Die EEG-Haube wird genau angepasst, um in der Studie aussagekräftige Erkenntnisse gewinnen zu können.

Sorgfältig legt Stefan Hans das Maßband um den Kopf von Janneke. „Ist das zu eng?“, fragt er die 17-Jährige, die still vor ihm auf dem Drehstuhl sitzt. „Nee, das ist ok“, sagt sie und schaut weiterhin gespannt nach vorne. Der Medizintechnik-Student nimmt die weiße EEG-Haube von ihrem gläsernen Ständer. Er stellt sie auf den Kopfumfang der jungen Frau ein und zieht sie ihr anschließend vorsichtig über die schwarzen Haare. Es kann losgehen. Konzentriert liest Janneke den kurzen Text auf dem Bildschirm vor ihr. Sie soll per Mausklick bestätigen, in welche Richtung der mittlere von fünf kleinen gelben Fischen schaut, die ihr dort angezeigt werden. Zwei Mal zehn Minuten dauert das Experiment. Vor jeder Fisch-Sequenz erscheint für den Bruchteil einer Sekunde kurz eingeblendet das Bild eines menschlichen Gesichts, das entweder ängstlich, traurig oder neutral schaut.

Für Janneke ist der Versuch nicht ganz so einfach. Sie hat Schwierigkeiten mit der Regulation ihrer Gefühle, im Fachjargon „Affektive Dysregulation“ genannt. Sie ist oft gereizt, neigt zu aggressiven Wutausbrüchen und Stimmungsschwankungen. Als Patientin der Klinik nimmt sie an dieser besonderen Studie teil, die herausfinden soll, wie ablenkend emotionale Reize wirken und wie sie Kinder mit affektiver Dysregulation in ihrem Verhalten beeinflussen.Eine junge Frau mit einer Haube, die Hirnströme misst, macht einen Test an einem Computer.

„Wir wissen zwar, dass viele Patientinnen und Patienten diese Schwierigkeiten haben, verstehen aber nicht, wo genau die Ursachen dafür liegen. Bisher gibt es kaum systematische Forschung zu dem Thema“, sagt Tanja Legenbauer. Die Psychologische Psychotherapeutin leitet die Abteilung Forschung und Testdiagnostik an der Klinik, die seit dem Jahr 2010 Universitätsklinik für die Ruhr-Universität Bochum ist. „Mit der Studie wollen wir diese Lücke schließen und damit auch die Behandlung verbessern“, sagt Tanja Legenbauer, die über ihre Arbeit in der Klinik hinaus auch an der Universität als Professorin lehrt.

Was so einfach klingt, erfordert viel Vorbereitung. Janneke ist eine von insgesamt 110 Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern. Ein Drittel davon weist die Diagnose der affektiven Dysregulation auf. Als Kontrollpersonen nehmen jugendliche Patienten der Klinik mit anderen psychischen Störungen und gesunde Jugendliche von Schulen aus der Region teil. Getestet wird nach einem ausgefeilten mehrstufigen Plan. Bei Janneke soll zum Beispiel untersucht werden, wie gut sie die Aufgabe mit dem Fisch erfüllen kann, nachdem sie von den emotionalen Gesichtsausdrücken abgelenkt wurde. „Wir haben die Studie noch nicht ganz ausgewertet“, sagt Tanja Legenbauer. Erste Anzeichen weisen aber darauf hin, dass Patienten, die Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation haben, mehr Zeit benötigen, um einem bestimmten Gesichtsausdruck die richtige Emotion zuzuordnen. „Wenn wir bei den weiteren Auswertungen feststellen, dass die Patientinnen und Patienten Probleme mit der Aufmerksamkeitslenkung haben, also ihre Aufmerksamkeit nicht ausreichend kontrollieren und auf eine bestimmte Information richten können, können wir beispielsweise ein gezieltes Training in der Therapie anbieten.“

Prof. Dr. Tanja Legenbauer erklärt an einem großen Bildschirm den Versuch mit den gelben Fischen.

Prof. Dr. Tanja Legenbauer konzipiert mit ihrem Team die Versuche, deren Resultate in die Behandlung einfließen.

Die Klinik in Hamm ist eine der größten Einrichtungen ihrer Art in Deutschland und deswegen besonders geeignet für die Forschung. „Wir haben große Patientenzahlen und behandeln viele Störungsbilder. Das sollte unbedingt genutzt werden, um neue Forschungserkenntnisse voranzubringen und dadurch die Versorgung zu verbessern“, sagt Tanja Legenbauer. Die Vorteile liegen auf der Hand. „Die Patientinnen und Patienten profitieren von der Forschung, weil wir ganz neue Behandlungsmethoden ausprobieren und gleichzeitig die Standards in der Therapie verbessern können.“ Die Bandbreite der Forschung ist groß. In mehreren Studien befassen sich die Experten zum Beispiel mit Lichttherapie für depressive Jugendliche, Neurofeedback für ADHS-Patientinnen und -Patienten oder mit Körperbildstörungen bei jungen Frauen mit Magersucht.

Außerdem, und auch das ist nicht zu vernachlässigen, kann das Haus über diese spannenden Forschungsprojekte gut ausgebildete Ärzte und Therapeuten für sich gewinnen, die vom guten Ruf der Klinik angezogen werden, erklärt Tanja Legenbauer. „Auch dieser Effekt verbessert am Ende direkt die Behandlungsmöglichkeiten für unsere Patientinnen und Patienten. Das ist ein Gewinn für alle.“