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MARTIN HOLTMANN ERKLÄRT #3: Medikamente: Sinn, Unsinn, Vorurteile – und die Realität

Die gute alte Kopfschmerztablette ist das wahrscheinlich am weitesten verbreitete und alltäglichste Mittel, mit dem Symptome durch eine chemische Substanz gelindert werden können. Fast jeder Mensch hat in seinem Leben schon einmal ein Medikament eingenommen.

Ganz anders steht es mit der Akzeptanz von Mitteln, die in der Psychiatrie verabreicht werden. Hier halten sich hartnäckig Vorurteile. Es herrschen Befürchtungen, dass Medikamente die Persönlichkeit verändern, nur zur Ruhigstellung dienen, abhängig machen, die Nebenwirkungen schlimmer sind als die Krankheit, die Betroffenen – einmal angefangen – ein Leben lang Pillen nehmen müssten oder die Mittel gar nicht auf Dauer wirken. Genauso verbreitet sind die Annahmen, dass seelische Krankheiten ohnehin besser mit natürlichen Mitteln heilbar sind beziehungsweise reine Psychotherapie grundsätzlich der bessere Weg ist.

Der Ärztliche Direktor der LWL-Uniklinik Hamm, Prof. Dr. Dr. Martin Holtmann.

Prof. Dr. Dr. Martin Holtmann ist der Ärztliche Direktor der LWL-Uniklinik Hamm.

Die Realität sieht aber ganz anders aus. Weder wird durch Medikamente aus einem frei denkenden, fröhlichen Menschen ein willenloser Roboter gemacht noch verwandelt sich ein zurückhaltender, schüchterner Mensch durch Tabletten plötzlich in einen spritzigen Alleinunterhalter. Diese Macht haben Psychopharmaka, wenn sie verantwortlich eingesetzt werden, nicht. Sie können lediglich dabei helfen, einen krankhaften Zustand wieder in den Normalzustand zu überführen. Auch, dass die Wirkung von Medikamenten nur darin besteht, dass sie den Patienten müde machen, entspricht nicht der Wirklichkeit.

Der Einsatzzweck von Medikamenten in der Psychiatrie ist jeweils grundverschieden. Manche Psychopharmaka helfen zum Beispiel hauptsächlich gegen Wahn, andere gegen Depression, wieder andere gegen die Rückfälle in eine Manie. Manche Medikamente verbessern den Antrieb, bei anderen ist eine beruhigende Wirkung erwünscht und wird dann auch gezielt eingesetzt. Nebenwirkungen treten heutzutage generell seltener auf, weil die Medizin große Fortschritte gemacht hat und mittlerweile viel Erfahrung mit den einzelnen Substanzen vorhanden ist.

Auch die Gefahr einer Abhängigkeit von einem bestimmten Medikament besteht heute nur noch bei einer längeren Einnahme von Benzodiazepinen. Dieses Mittel wirkt gegen extreme Angstzustände und epileptische Anfälle. Antidepressiva, Neuroleptika, Psychostimulanzien (z. B. Ritalin) und viele andere Medikamente zur Behandlung von psychiatrischen Krankheiten machen hingegen nicht abhängig. Sie werden außerdem höchst selten ein Leben lang verschrieben – auch dieses Vorurteil stimmt also nicht.

Bei manchen Erkrankungen, zum Beispiel bei Schizophrenie oder bei wiederkehrenden schweren Depressionen, sind zur Vorbeugung von Rückfällen wiederum durchaus längere Behandlungen mit Medikamenten notwendig. Andere Krankheiten verlaufen hingegen schubartig, so dass die Medikamente nach einer Zeit wieder abgesetzt werden können. Es ist also nicht pauschal zu sagen, wie kurz oder wie dauerhaft Medikamente eingenommen werden – auch das hängt stark davon ab, welche Mittel es sind und welche Störungen damit behandelt werden.

Was naturheilkundliche Methoden und homöopathische Zubereitungen betrifft, so gibt es nur für sehr wenige davon medizinische Wirksamkeitsnachweise. Psychotherapie ist ebenfalls kein Allheilmittel: Es gibt Krankheiten, bei denen fast nur mit medikamentöser Behandlung Erfolge zu verzeichnen sind und bei denen die Psychotherapie zusätzlich unterstützend wirkt. Auch hier ist die Schizophrenie ein gutes Beispiel.

Grundsätzlich gilt: Je mehr Forschung betrieben wird, desto schlauer sind wir am Ende auch und desto zielgerichteter können wir behandeln. Dank solcher wissenschaftlicher Untersuchungen wissen wir heute recht genau, bei welchen Krankheiten welche Therapieformen besonders gut helfen – und das ist gerade bei schweren Formen und Verläufen oft eine Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten.