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SCHWERPUNKTE #3: Bewegung als Heilmittel – Die Fachtherapie Psychomotorik
Patienten und Horst Göbel laufen und springenauf dem grün-gelben Airtramp herum.

Die LWL-Uniklinik Hamm ist die Ursprungsstätte der deutschen Psychomotorik. Die Fachtherapie basiert auf der Erkenntnis, dass Seele und Körper eng verknüpft sind und sich gegenseitig positiv oder auch negativ beeinflussen können.

Sport ist Sache des Körpers. Oder? Inzwischen weiß man, dass das so nicht stimmt. Es ist längst nachgewiesen, dass Bewegung ebenso die Gesundheit der Seele fördert. Jeder aktive Mensch kennt das wohlige Gefühl der Zufriedenheit unmittelbar nach der sportlichen Betätigung. Der Körper „bedankt“ sich mit Endorphinen, die Psyche freut sich, Erfolgserlebnis perfekt. „Bewegung tut aber nicht einfach nur gut“, erklärt Horst Göbel, Leiter der Fachabteilung für klinische psychomotorische Therapie, kurz Psychomotorik. „Was eine positive Wirkung hat, beinhaltet üblicherweise auch Nebenwirkungen, die man kennen sollte. Mit Bewegung lassen sich Aggressionen abbauen, aber auch aufbauen, lässt sich Konzentration schwächen oder auch stärken.“

Horst Göbel, Leiter der Fachabteilung für klinische psychomotorische Therapie – kurz Psychomotorik.

Horst Göbel ist Leiter der Fachabteilung für klinische psychomotorische Therapie – kurz Psychomotorik.

Die LWL-Uniklinik Hamm hat diese Erkenntnisse in ein therapeutisches Konzept für psychisch kranke Menschen überführt. Der Begriff Psychomotorik selbst betont es schon: Zwischen Befinden und Bewegung besteht ein enger Zusammenhang. Diese Verknüpfung ist in jedem Menschen angelegt. Der Körper ist von Kindesbeinen an das wichtigste Ausdrucksorgan des Menschen. Über Bewegung lernen wir das erste Mal, die Welt zu erkunden und Hindernisse zu überwinden, erleben so also auch unsere ersten Erfolge. Durch Bewegung baut sich das Selbstbewusstsein auf. Und das hilft im späteren Leben, selbstsicher auf andere zu- und mit Konfliktsituationen umzugehen.

Bei Menschen mit psychischen Problemen und Erkrankungen ist dieses Selbstbewusstsein oft verloren gegangen oder gestört. Um es Schritt für Schritt wieder aufzubauen, eignet sich die Psychomotorik besonders gut als unterstützende Therapieform. Begleitend zu den sonstigen Therapieangeboten nehmen über 80 Prozent aller Patientinnen und Patienten an diesem Bewegungsprogramm teil, überwiegend in spezifisch zusammengestellten Therapiegruppen. Hierfür wird z. B. ein Therapieraum zur riesigen Bewegungslandschaft umkonstruiert, oder es wird ein großes Luftkissen, das Airtramp, eingesetzt. „Das ist selbst für die unmotiviertesten Kinder und Jugendlichen spannend. Jeder möchte erleben, wie es sich anfühlt, auf Luft herumzulaufen“, beobachtet Horst Göbel oft.

Eine Patientin gibt einer anderen Patientin auf dem grün-gelben Airtramp einen großen orangefarbenen Gymnastikball weiter.Mit Hilfe des Kissens kann Suchtkranken, ess- oder aufmerksamkeitsgestörten Kindern und Jugendlichen gezielt dabei geholfen werden, im wahrsten Sinne des Wortes ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Zum Beispiel, wenn die Luft aus dem Airtramp abgelassen wird: „Die Patienten fallen fast um und müssen gegensteuern. Das passiert erst ganz intuitiv, dann immer bewusster und konzentrierter“, erklärt der Psychomotoriker. „Sie lernen ganz neu, mit ihrem Körper umzugehen, und verlieren Ängste, wenn sie mal hinfallen. Außerdem erfahren sie, dass sie auch auf andere aufpassen müssen, um sie nicht durch unkontrollierte Bewegungen zu verletzen.“ Die Bewegung wird mit Musik, Entspannung, Spiel und Spaß verbunden, aber auch mit Aufgaben zur Förderung von Konzentration und Wahrnehmung.

„Die Psychomotorik schafft positive Erlebnisse für die Patientinnen und Patienten, gleichzeitig fördern und fordern wir sie“, sagt Horst Göbel. „Das ist zum Beispiel bei Kindern mit ADHS zu sehen, die oft als ungeschickt und störend wahrgenommen werden. Die Psychomotorik nutzt gerade diese Bewegungsfreude, um die Impulsivität und Unruhe der Kinder abzubauen und gezielt ihre Stärken zu fördern.“ Damit verbessert sich zugleich das Selbstbewusstsein der jungen Patientinnen und Patienten. Sie erleben in der Psychomotorik wieder Erfolge, merken, dass ihre Anstrengungen sie weiterbringen und finden dadurch besser Kontakt zu anderen. Und sie werden angespornt, ihren Weg fortzusetzen.