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SCHON GEWUSST? #1 – Forschung zu Übergewicht und Adipositas

Krankhaftes Übergewicht, die sogenannte Adipositas, ist ein sehr belastendes Phänomen für die Betroffenen, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch und psychisch. Seit dem Jahr 1997 gilt Adipositas als chronische Krankheit. Etwa 14 Prozent der weltweiten Bevölkerung bringen heutzutage zu viel auf die Waage.

In Deutschland sind die Zahlen sogar noch höher. So ist hierzulande bereits knapp ein Viertel der Männer und Frauen von der Erkrankung betroffen. Besorgniserregend ist die Entwicklung auch bei Kindern und Jugendlichen. Fast 15 Prozent der zwei- bis 17-Jährigen gelten heute als übergewichtig, davon sechs Prozent sogar als adipös – in den 1990er-Jahren waren es gerade einmal halb so viele.

Diese Entwicklung ist einer der Gründe, warum die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Prof. Dr. Tanja Legenbauer an der LWL-Uniklinik Hamm stetig nach neuen Behandlungsmethoden suchen. Wenn von Adipositas die Rede ist, sind nämlich nicht die Speckrollen oder die paar Kilo zu viel gemeint, die jeder gesunde Mensch durchaus am Körper haben kann, ohne Einschränkungen zu spüren. Adipositas ist eine echte Krankheit. Sie geht mit einem stark erhöhten Body Mass Index (BMI) einher und schränkt deshalb die Lebensqualität eines Menschen enorm ein. Die Stimmung ist gedrückt, das Selbstwertgefühl leidet. Die Hälfte aller übergewichtigen Menschen hat sogar ein anderthalbfach erhöhtes Risiko, im Laufe ihres Lebens eine Depression zu entwickeln. Weil die Adipositas den Körper so sehr belastet, treten eine Reihe sogenannter Begleit- bzw. Folgeerscheinungen bei den Betroffenen auf, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 und Gelenkprobleme. Auch Essstörungen und ADHS sind Erkrankungen, die immer häufiger in Verbindung mit krankhaftem Übergewicht beobachtet werden. Auf einen möglichen Zusammenhang zwischen ADHS und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen weisen etwa neuere Studien hin.

Prof. Dr. Tanja Legenbauer

Prof. Dr. Tanja Legenbauer forscht in der Klinik unter anderem zum Thema Adipositas.

Die konventionelle Behandlung dieser Krankheit setzt vor allem darauf, den Betroffenen dabei zu helfen, ausgewogen und vielfältig zu essen und sich ausreichend zu bewegen. Treten neben der Auswahl eher ungünstiger Nahrungsmittel etwa Heißhungerattacken auf, wird in der Behandlung darauf geachtet, dass sich das Essverhalten normalisiert, um das Gewicht auf diesem Weg zusätzlich zu reduzieren – zum Beispiel, indem ihnen beigebracht wird, wie sie regelmäßiger essen und Heißhungerattacken vermeiden bzw. sich besser kontrollieren können. Solche Gewichtsabnahmeprogramme sind zwar meist kurzfristig erfolgreich, aber oft ist das nicht von langer Dauer. Innerhalb des ersten Jahres nehmen viele Patienten bis zu 50 Prozent des verlorenen Gewichts wieder zu, nach drei bis fünf Jahren ist bei der Mehrzahl sogar das Ausgangsgewicht wieder erreicht. Das ist für die Betroffenen extrem frustrierend.

An der LWL-Uniklinik Hamm wird deshalb nach neuen Wegen gesucht, Adipositas zu behandeln. Dabei sind die Forscher auf einen möglicherweise interessanten Zusammenhang gestoßen: Gerade Kinder und Jugendliche mit Übergewicht haben oft große Schwierigkeiten, ihre Handlungen zu kontrollieren. Sie neigen dazu, schnelle Entscheidungen zu treffen und unzureichend vorauszuplanen. Sie verhalten sich also sehr impulsiv, und möglicherweise ist das besonders schwierig, wenn es um Essen geht. Erste Studien aus den Niederlanden zeigen, dass sich ein Training zur Verbesserung der Selbstregulation positiv auf die Gewichtsabnahme auswirkt. Wie stabil die Effekte bleiben, ist noch unklar.

Um die Zusammenhänge zwischen impulsivem Verhalten und Gewicht besser zu verstehen, haben die Forscher in Hamm eine neue Studie ins Leben gerufen. Sie widmet sich der Frage, wie sich übergewichtige und normalgewichtige Kinder unterscheiden, wenn es um die die Fähigkeit geht, Impulse allgemein oder in Bezug auf die Ernährung zu regulieren. Um das zu untersuchen, wurden Kinder und Jugendliche zu ihrem Essverhalten befragt und mussten Tests am Computer machen. Es ging zum Beispiel darum, die Richtung eines angezeigten Pfeils zu bestimmen und sich dabei nicht von leckeren Essensbildern ablenken zu lassen. Machten die Kinder bei den Fotos des Essens mehr Fehler als bei neutralen Reizen, sprach das für eine erhöhte nahrungsbezogene Impulsivität. Um die Aufgabe zu erschweren, bekamen die Kinder bei der Hälfte der Bilder einen Ton, bei dem sie ihre Reaktion unterdrücken sollten. Je häufiger das gelingt, umso besser können sie ihr Verhalten kontrollieren. Wenn die Studie ausgewertet ist, kann möglicherweise ein computergestütztes Training entwickelt werden, dass die Lenkung der Impulsivität verbessern hilft.

 

Der Body Mass Index (BMI) ist eine Formel, die das Körpergewicht in Beziehung zur Körpergröße setzt. Sie hilft, herauszufinden, ob ein Mensch ein gesundes Körpergewicht hat. Dazu wird das Gewicht, gemessen in Kilogramm, durch das Quadrat der Körpergröße, in Metern gemessen, geteilt (kg/m²).

Am Beispiel einer Frau mit einer Körpergröße von 1,65 m und einem Körpergewicht von 62 Kilogramm lässt sich das einfach vorrechnen: Laut BMI-Skala ist diese Frau normalgewichtig. Die Skala unterteilt in die Klassen ‚untergewichtig‘ (BMI kleiner als 18,5), ‚normalgewichtig‘ (BMI zwischen 18,5 und 24,9) und ‚übergewichtig‘ (BMI > 25). Ist die Indexzahl jenseits der 30, ist nicht mehr von Übergewicht, sondern von Adipositas die Rede. Ab dann ist auch das Risiko für Begleiterkrankungen erhöht.

Bei jungen Menschen, die noch im Wachstum sind, ist das Ganze etwas komplizierter. Der klassische BMI (Body Mass Index) reicht hier nicht aus, weil er Wachstumsschübe, Alter und Geschlecht nicht berücksichtigt. Deshalb nutzen Ernährungstherapeuten so genannte BMI-Perzentile, die die Körpergröße einbeziehen und außerdem nach Mädchen oder Jungen unterscheiden. Anschließend wird der Wert mit dem Durchschnitt aller Kinder der jeweiligen Altersstufe verglichen. Auch hier ein Beispiel: Liegt das Gewicht eines Mädchens auf der 50. Perzentile, befindet es sich genau im Normalbereich. Die Zahl sagt aus, dass die eine Hälfte ihrer Altersgenossinnen leichter ist als sie, die andere schwerer. Ein Perzentil unter 10 bedeutet Untergewicht, eines von über 90 Übergewicht.