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Umbau im Kopf: Was während der Pubertät im Gehirn von Jugendlichen geschieht

Jugendliche sind anfälliger für psychische Erkrankungen als Erwachsene. Der Grund liegt im Kopf der Jugendlichen selbst, besser gesagt, im Gehirn. Während der Pubertät verändern sich die Strukturen in der menschlichen Schaltzentrale so tiefgreifend, dass sich Heranwachsende in dieser Entwicklungsphase ganz neuen emotionalen und kognitiven Herausforderungen stellen müssen. Damit steigt das Risiko, dass auch mal etwas schief läuft, was beim überwiegenden Teil der jungen Menschen kein Grund zur Besorgnis ist. Bei immerhin 15 bis 20 Prozent von ihnen entwickelt sich jedoch während dieser Zeit eine mehr oder minder schwerwiegende psychische Störung.

Es ist noch nicht allzu lange her, da waren Wissenschaftler noch überzeugt, dass die wesentliche Architektur und Funktionsweise des menschlichen Gehirns innerhalb der ersten fünf bis sechs Lebensjahre fertig ausgebildet ist. Ab dann – so die Annahme – verändert sich im Oberstübchen nichts Tiefgreifendendes mehr.

Die aktuelle Hirnforschung zeigt, dass das so nicht stimmt. Es gibt eine zweite Phase im Leben eines Menschen, in der sich das Gehirn noch einmal stark verändert: Die Pubertät, die von Eltern gefürchtet und von Jugendlichen als anstrengender Umbruch empfunden wird. Nicht allein der Hormonhaushalt ist für das Durcheinander in dieser Phase verantwortlich. Groß angelegte Längsschnittstudien beweisen, dass der Kopf junger Menschen während dieser Phase eine echte Großbaustelle ist.

Kultur macht den Menschen zum Menschen

Im Laufe der Evolution hat sich allmählich ein spezifisch menschliches Reifungsmuster des Gehirns herausgebildet. Das liegt daran, dass Menschen ihre typischen Fähigkeiten im Laufe der Entwicklung vor allem durch den Kontakt zu anderen Menschen erwerben – und durch Kultur. Jeder ist von Geburt an soziokulturellen Reizen ausgesetzt, die die Entwicklung zum Gesellschaftswesen vorantreiben. Dazu zählen zum Beispiel Sprache, soziale Interaktion Schule oder Musik. Im Kopf braucht der Mensch die physische Grundlage, um diese Reize zu verarbeiten und nutzbringend umsetzen zu können.

Die Voraussetzungen dafür erschafft sich das Gehirn kurzerhand selbst, und zwar während der Pubertät. In dieser Zeit werden besonders viele Schaltkreise – die so genannten Synapsen – noch einmal ganz neu geknüpft, wodurch typische Fähigkeiten eines erwachsenen Menschen überhaupt erst entstehen. Hinter der Stirn eines jeden Mädchens und Jungens setzt manchmal schon mit elf, oft auch erst mit dreizehn Jahren ein Reifeprozess ein, der für das Mensch-Sein in unserer Gesellschaft unerlässlich ist.

Dieser Umbau ermöglicht erst die Lernprozesse, die so wichtig für neue kognitive und soziale Fähigkeiten sind – ein Kindergehirn könnte diese Leistung zum Beispiel noch nicht erbringen. Jugendliche beginnen in dieser Zeit, abstrakt zu denken und die Folgen ihres Handelns abzuschätzen. Sie lernen, sich an komplexe Situationen anzupassen und auch, sich besser in andere hinein zu versetzen. Gleichzeitig werden sie aber auch risikofreudiger und unberechenbarer.

Die Kontrolle über Gefühle kommt erst später

Der Grund für dieses Ungleichgewicht im Verhalten ist das unterschiedliche Reifetempo der verschiedenen Hirnareale. Das limbische System und das Belohnungssystem beispielsweise steuern die emotionalen Reaktionen. Diese Areale beginnen etwas früher, sich zu entwickeln als die Bereiche, die für die Kontrolle dieser Gefühle zuständig sind. Daraus erklärt sich das ausgeprägte Risikoverhalten junger Menschen, zum Beispiel beim Konsum von Alkohol und Drogen, im Straßenverkehr oder bei den ersten Sexualkontakten. Auch die Tatsache, dass Jugendliche leichter in tätliche Auseinandersetzungen geraten, liegt darin begründet.

Sicher ist: Die vielen neuen Fähigkeiten des Gehirns bedeuten für die jungen Menschen, die diesen Umbruch durchlaufen, tiefgreifende kognitive und emotionale Veränderungen in sehr kurzer Zeit. Ein neues Ich-Gefühl, neue Herausforderungen und eine veränderte Weltsicht sind nur ein paar der Dinge, an die sie sich gewöhnen müssen. Dafür ist die Psyche eines jungen Menschen oft noch nicht vollständig bereit, sie muss buchstäblich erst in den sich so stark verändernden Körper hineinwachsen. Durch diese immensen Entwicklungen steigt schließlich auch das Risiko für emotionale Fehlfunktionen: Mädchen reagieren eher mit nach innen gewandten Beeinträchtigungen oder mit Essstörungen, bei Jungen sind eher nach außen gerichtete Störungen und ein problematisches Sozialverhalten typisch.